Avni, Blechacz / Chopin, Sohy, Ravel
Waltz für Orchester
Orchestrierung: Igor Strawinsky
für Orchester
Orchestrierung: Igor Strawinsky
| Rafał Blechacz |
piano
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| Bar Avni |
conductor
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Jäger/Borggreve
Umbruchszeiten
Mit einem französischen Programm gibt die israelische Dirigentin Bar Avni ihr Debüt mit dem RSO im Wiener Konzerthaus. Auch wenn in Polen geboren und musikalisch geprägt, hat der Komponist und Pianist Frédéric Chopin doch beinahe die Hälfte seines Lebens vorwiegend in Paris verbracht. Sein Zweites Klavierkonzert in f-Moll ist von der Chronologie her eigentlich sein erstes und kam gleich bei seiner Uraufführung in kleinem Rahmen bemerkenswert gut an. Er übernahm selbst den Solopart, wie eine begeisterte Zuhörerin berichtet: »… das ganze Spiel ist so voller Ausdruck, Empfindung, Gesang, dass es im Hörer angenehme Erinnerungen an alle seine glücklichen Augenblicke weckt …« Ein wissender Freund Chopins ergänzte: »Diese Liebeserklärung entspricht gleichsam einer Geste, mit der die allerschönsten Blumen überreicht werden«, und nichts anderes war dieses Klavierkonzert: ein klingendes Abbild einer heimlich verehrten Frau.
Die Komponistin Charlotte Sohy war – wie so viele Künstlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts – im privaten Kreis geschätzt, der Öffentlichkeit jedoch kaum bekannt. Ihre Werke signierte die Pariserin oft mit »Ch. Sohy« und überließ damit die Zuordnung den Rezipient:innen. Ihr Mann, ebenfalls Komponist und Vater ihrer sieben Kinder, wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. Sohy begann ihre »Symphonie in cis-Moll« mit dem Titel »Grande Guerre« während der Kriegsjahre und vollendete sie einige Jahre später.
Ihr neoromantischer Stil vermittelt eine innige Sehnsucht nach Frieden und »Fraternité« (Brüderlichkeit), durchzogen von impressionistischen Ausbrüchen. Mitten im zweiten Satz ist ein Schuss zu hören; es folgen ein tragischer Abschnitt und ein finaler Kampf – gedeutet als Spiegel ihres eigenen Lebens. Sohys durchaus autobiografische Symphonie wurde erst 2019 uraufgeführt.
Auf die Uraufführung der berühmten, apokalyptischen Ballettmusik »La Valse« von Maurice Ravel musste das Publikum nicht so lange warten, auf ihre choreografische Umsetzung allerdings beinahe zehn Jahre – bis 1929. Auch für Ravel, selbst Soldat, waren die erlebten Gräuel des Ersten Weltkriegs Anlass zur Komposition, zugleich aber auch zu einer Hommage an Johann Strauss: ein Abgesang im Dreivierteltakt auf die dekadente Gesellschaft des Fin de Siècle.
Marie-Therese Rudolph