Poschner, Kobekina / Weinberg, Korngold
Josipovic/Hudak
Träne im Knopfloch
Ruhig, nobel, wehmütig strömt die Kantilene des Violoncellos über dem gleichförmigen Schreiten der Streicher – doch bald mischen sich kleine, schmerzliche Widerborstigkeiten in die Melodie: eine Art Trauermarsch, bei dem die Tränen verborgen bleiben sollen, aber dennoch durchkommen.
So beginnt das Cellokonzert von Mieczysław Weinberg, der 1919 in Warschau geboren wurde – in einen Kontinent hinein, den bald menschenverachtende Diktaturen und der Zweite Weltkrieg prägen sollten. Dem jungen Weinberg gelang die Flucht vor den Nazis in die Sowjetunion, wo er später beinahe Opfer des Stalinismus geworden wäre. Das Cellokonzert des 29-Jährigen entstand 1948: Wenige Jahre zuvor hatte Weinberg erfahren müssen, dass seine Familie in der Shoa ermordet worden war. Hinter elegischen, lyrischen Klängen, folkloristischen Anspielungen und musikantischem Schwung, die einen Neuanfang symbolisieren, werden auch alter Schmerz und neue Angst spürbar. Anastasia Kobekina ist die Solistin in diesem für Mstislav Rostropovich komponierten Werk.
Dazu: Erich Wolfgang Korngold, 22 Jahre älter als Weinberg und in Brünn geboren, damals noch Teil der Donaumonarchie. Eine Art Trauerflor umgibt seine »Symphonie in Fis«, die fast zeitgleich mit Weinbergs Cellokonzert entstand. Über rätselhaft schillernden Harmonien singt sie von der schmerzlich-schönen Erinnerung an etwas, das vielleicht nie gewesen ist – oder nicht hätte sein sollen. Glänzend, das freie Spiel mit den tonalen Anziehungskräften! Hier die Wiener Moderne, dort die symphonische Filmmusik, die Korngold letztlich erfunden hat – und dazwischen seine Vertreibung durch die Nazis. Kein Wunder, dass sie immer wieder düster und bedrohlich tönt, diese retrospektive Symphonie, in der sich mehrfach hymnische Themen aufschwingen. Zwei bekenntnishafte Paradestücke für das RSO und seinen Chefdirigenten Markus Poschner.
Walter Weidringer