Poschners Meilensteine / Schostakowitsch
| Markus Poschner |
conductor
|
Josipovic
Ironische Brechung
Beethoven, Schubert, Bruckner, Mahler: Kein Wunder, dass gerade der abergläubische, von Zahlenmystik beeinflusste Arnold Schönberg vermutete, die Neunte sei »eine Grenze« – auch wenn sich darüber streiten lässt, ob und wie diese Grenze von den Genannten erreicht oder überschritten wurde.
Wie hätte Dmitri Schostakowitsch darauf reagiert? Sollte seine Neunte, vollendet im August 1945 nach dem Sieg der Roten Armee im »Großen Vaterländischen Krieg«, den triumphalen Abschluss einer Trilogie von Kriegssymphonien bilden? Weder die politische Lage mit dem siegreichen Diktator Stalin noch die symphonische Tradition schienen Schostakowitsch eine Wahl zu lassen.
Doch er wagte das Unerhörte – und verzichtete auf Jubel, Pathos und Bombast. Die Neunte ist eine seiner kürzesten Symphonien. Zwar greift er auf klassische Formmodelle zurück, füllt sie jedoch in mehrfacher Brechung und grotesker Überzeichnung nicht aus, sondern zitiert sie ironisch: ein subversiver Akt, der ihm prompt zum Vorwurf gemacht wurde. Markus Poschner präsentiert dieses mutige Werk mit dem RSO als einen seiner »Meilensteine« – und legt dabei versteckte Sottisen, spöttische Anspielungen und gallig-bitteren Humor frei.
Walter Weidringer