Konzert Brno
in 6 Sätzen für Orchester
| Adam Plachetka |
bass baritone
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| Tomáš Netopil |
conductor
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Marco Borggreve
»Verbrüderung der Völker«
»Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen», soll schon der Kirchenlehrer Augustinus ausgerufen haben. Johannes Brahms war ein großer Bewunderer der mitreißenden, pikanten Popularmusik aus der Puszta. Bereits mit 19 Jahren lernte er den Exil-Ungarn Eduard Reményi kennen, einen Violinvirtuosen, und ging mit ihm als Pianist auf Konzertreisen. Durch ihn wurde Brahms früh mit der musikalischen Sprache der Puszta vertraut – einer Klangwelt, die ihn zeitlebens faszinierte.
Viele der in Brahms’ Dafürhalten »originalen«, freilich durch vielfältige Eingriffe – auch Reményis – veränderten Melodien finden sich, kunstvoll zu Charakterstücken verarbeitet, in den 21 »Ungarischen Tänzen« wieder. Brahms schrieb sie zunächst für Klavier zu vier Händen, veröffentlichte sie in zwei Serien (1869 und 1880) und eroberte damit die musikalischen Haushalte Europas. Nur drei Tänze instrumentierte er selbst.
Ausdrücklich die Verbrüderung der Völker hatte Béla Bartók im Sinn, als er 1923 seine »Tanzsuite« komponierte. Darin stellte er bewusst »die enge Verwandtschaft der südosteuropäischen und vorderasiatischen Volksmusik-Idiome demonstrativ heraus« (Attila Csampai) – ohne in seiner Musik auch nur das geringste wörtliche Zitat aus seinen dokumentierten Volksmusikstudien zu verwenden.
Der Frage, was »Volks-« und was »Kunstmusik« ist, spürt Tomáš Netopil am Pult des RSO beim ersten Abend des gemeinsamen Gastspiels in Brno mit Gustav Mahlers »Liedern eines fahrenden Gesellen« nach. Dem Vorbild von Schuberts »Schöner Müllerin« und »Winterreise« sowie den Liedern aus »Des Knaben Wunderhorn« folgend – jener Sammlung, in der Clemens Brentano und Achim von Arnim dem Volk ihre Dichtung in den Mund legten –, schuf der unglücklich verliebte 24-jährige Mahler hier Text und Musik. Der kunstvoll nachgebildete schlichte Ton trifft umso stärker ins Herz.
Walter Weidringer